100KM Biel

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Der Bericht zum 100Km Lauf um Biel 2008



Zum 50. Lauf


Die Nacht, der Kampf mit dem Knie und warum ich nicht aufgegeben habe

Dagmar hat mich zum Start gebracht. Der Bus war voll, wir mussten stehen. Dabei verdrehte ich mir das Knie etwas. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das für nicht schlimm. Das Knie beruhigte sich. Ich war gut trainiert. Trotzdem, so ein gutes Körpergefühl hatte ich nicht oder?
Merkwürdige Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Wir hatten noch jede Menge Zeit die Startnummer abzuholen, um Nudeln zu essen und Leute anzuschauen.
Ich brachte Dagmar ein Stück auf ihren Rückweg. Sie wollte mit dem Hund die Strecke zurück zur Unterkunft in der Brüggstrasse gehen.
Dann war ich allein.Ich schlenderte zurück zur Eishalle.
Ich hatte kein Problem damit, allein unter all den Läufern, Helfern und Betreuern zu sein. Zwar hoffte ich immer noch, Jürgen oder Marco zu treffen, wenn nicht, konnte ich meinen Gedanken nachgehen.
Merkwürdige Zweifel kamen auf. Schaffen würde ich es sicher auch in diesem Jahr, wenn ich mich nicht verletzen würde. Aber warum sollte ich 100 Km laufen? Nur, weil ich dafür trainiert habe und mich vor einem halben Jahr angemeldet hatte?
Ich dachte an meine Mutter, die 4 Bypässe bekommen und die OP gut überstanden hatte. Würde ich in 10 Jahren auch noch in Biel laufen können, wenn ich das wollte?
Muss man hier starten?
In der Eishalle lief, wie 2006, Fußball. Der Projektor strahlte das Bild auf einer großen Leinwand in der Eishalle für Läufer aus.
Noch immer holten Läufer oder Coachs ihre Startnummern ab.

Als Kind bin ich einmal zum Abend in die Feldmark gezogen. Laue Sommerluft und der Wetterbericht versprachen eine schöne Nacht.
Ich hatte Büchsenverpflegung, eine Decke und einige andere Ausrüstungsgegenstände mit. Wir hatten einen Altdeutschen Schäferhund, den ich auch dabei hatte.
Ich hatte mich Wochen auf diesen Ausflug gefreut.
Wie ich darauf gekommen bin, ohne Zelt in einem kleinen Gehölz in der Magdeburger Börde zwischen den Dörfern zu übernachten, wusste ich nicht mehr.

Mein erster 100 Km Lauf in Biel 2005 ging mitten durch eine herrliche Sommernacht. Diesmal war es etwas kühler, was mir besser gefiel. Regen sollte es nicht unbedingt geben und am Morgen sollte es zunehmend sonniger werden. Der Wetterbericht stimmte am Ende jedenfalls.
Meine Ausrüstung war vollständig. Toilettenpapier, Lampe und Mütze hatte ich mit. Ich setzte mich auf die Zuschauerränge und genoss es, Fußball zu sehen und andere Menschen zu beobachten.
Da waren meine Krampfadern, die mir Sorgen machten. Ob ich die operieren lassen sollte? Nicht daran denken. Wenn man sich zu sehr mit einem Gedanken beschäftigt, steigert man sich unnötig hinein.
Die Krampfadern waren aber auch dick! Unsinn, ich beschäftigte mich schon zu lange damit.
Ich wollte in diesem Jahr am Start mal wieder 5 Kg leichter sein, als ich es war. Mist! Die Wochen sind so dahin geflogen. Keine Zeit um abzunehmen. Ich bin Stressesser!
Jetzt ist gleich der Start. Ich werde gleich gehen. Tor! Ach so, es wird ja Fußball gespielt.
In der Nähe sitzen zwei Läufer. Eine Frau und ein Mann. Plötzlich springt die Frau auf und ruft einen anderen Läufer, der die Ränge hochsteigt. Sie begrüßen sich überschwenglich. Beide erzählen darauf los. Nach 5 Minuten ist der Redestoff aus.
Sie werden ruhiger, die Lachfalten sind verschwunden, und sie schauen sich nach anderen Läufern um. "Ach, da ist ja der Herrmann", höre ich und weg war er.
Überall preparieren sich Läufer. Ich bin gut mit Melkfett eingerieben. Ob das stinkt?
Mir doch egal. Vorsichtshalber hatte ich aber Deo darauf gesprüht. Das mache ich sonst nicht. In diesem Jahr trinke ich nur Apfelschorle vor dem Lauf. Eine 0,5 Literflasche ist bereits leer.
Diesmal muss ich nur einmal von der Strecke in den Wald gehen.
Noch 35 Minuten. Soll ich wirklich starten?
In der Feldmark zwischen den Dorfern hörte man damals nur ab und an mal ein knatterndes Motorrad. Ruhe ringsherum. Unheimlich. Die Sterne und der Mond begleiteten den Hund und mich zum dem Gehölz zwischen den Feldern.




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  Den Feldweg dorthin gibt es nicht mehr.
Den hat man weggepflügt, damit die Felder noch größer werden. Das Gehölz kann man nur noch über die Felder erreichen. Ich hatte mir ein Lagerfeuer angemacht und erwärmte eine Büchse mit Bohnen.
Der Hund kauerte neben mir und fraß etwas von dem Futter.
Ich genoss die Einsamkeit.
Weit nach Mitternacht brach ich auf und ging nach Hause.

Eine schöne Nacht.
Ich werde den 100 Km Lauf heute machen. Klar!
Mit vielen anderen Läufern stand ich auf und ging in den Startbereich.
Dann war es so weit. Das Übliche. Durchsagen auf schwitzerdütsch und französisch. Vorbei an der Prominenz auf den Wagen. Hände werden uns hingestreckt, die wir abklatschen.
Es beginnt.
Wortfetzen. Ich sehen kein einziges bekanntes Gesicht. Zum 50. 100 Km Lauf in Biel herrscht dichtes Gedränge.
Biel wird durchlaufen. Kenne ich schon! Trozdem, es ist jedesmal ganz anders. Diesmal erkenne ich Teile der Strecke wieder.
Da bin ich mit Dagmar schon entlang gegangen.
Ich sehe einen Geher. Markannte Bewegungen ich rufe: "Hallo Willem!" Willem dreht sich herum und freut sich. Wir wünschen uns einen guten Lauf. Will ich wirklich 100 Km laufen?
Dann geht es über die Brücke des Nidau-Bühren-Kanals. Hier ist ein Kraftwerk. Herrliche Nacht. Mein Körper, die Beine funktionieren. Nur der Kopf will noch nicht so wie ich.
Laufen. Läufergespräche. Die Beine gehorchen.
Ich verfalle in meinen Bieler Lauftrott. Die erste Steigung. Ich sehe mich um. Lichter spiegeln sich im Bieler See. Biel liegt hinter uns. Wenig Publikum an der Strecke, das liegt wohl an der EM. Dann ruft mich Jürgen.

Wir begrüßen uns, dann geht Jürgen die leichte Steigung hoch. Ich laufe. Hier laufe ich immer. So steil ist es doch nicht.
Jürgen wird mich 4 Km vor dem Ziel überholen und ca. drei Minuten vor mir einlaufen. Hallo Jürgen: "Ich habe mich gefreut, als Du mir kurz vor dem Ziel auf die Schulter geklopft hast! Da wusste ich, dass ich es auch in diesem Jahr wieder schaffen werde!"
In Jens am Verpflegungsstand wurde gedrängelt. Mir ging es jetzt richtig gut. Ich dachte über eine Endzeit zwischen 11:30 und 12:00 h nach.
Da wir am Donnerstag auch in Aarberg waren und uns die Brücke dort bei Tageslicht angesehen hatten, freute ich mich diesmal besonders auf Aarberg.
Dort ist auch immer besonders viel Stimmung.
Viele Läufer auf der Strecke.
Dann ging es endlich über die Brücke. Die Glückshormone schossen in die Muskeln. Herrlich, hier zu laufen!
Bald ging es unter der Autobahn E27 durch. Mein Knie schmerzte. Ich war kurz vorher in ein kleines Schlagloch getreten. Nichts schlimmes, dass war mir schon öfter mal passiert.
Noch ca. 78 Km zu laufen und mein Knie kann nicht belastet werden. Mir kam eine Idee: "Wie wäre es, wenn ich aussteige? Hab doch einen Grund!"
Ich ging langsam weiter. Beim Gehen schmerzte das Knie nicht. Also weiter laufen!
Bei jedem Laufschritt spürte ich ein hinterhältiges Stechen im Knie. Wie weit noch bis zum Ziel?
Ich steige aus - Basta!
Dann gehe ich weiter. Was habe ich nur, tut doch nichts weh!
Eine lange Steigung komm. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Vielleicht noch 75 Km bis zum Ziel? Ein Läufer vom 100 Marathon-Club spricht mich an. Ich bin ihm dankbar. Wir unterhalten uns, was mich ablenkt.
"Bei meiner ersten Teilnahme bin ich diesen Berg hier hochgelaufen, danach nie mehr. Immer hochgegangen, dass ging gut und hat sich bewährt", gebe ich von mir.
Dann verfalle ich plötzlich in einen leichten Laufschritt. Keine Schmerzen mehr. Scheint so, als wenn der Asphalt gut für mein Knie ist.
Bei Ammerzwil werde ich am Verpflegungsstand unsanft zur Seite gestoßen. Ellenbogen bekomme ich in die Rippen. Eine Drängelei ist das!
Einige Läufer sind gierig und nehmen keine Rücksicht! Hier ist mir das bisher noch nie passiert!
Einige unerfahrene Radfahrer behindern die Läufer an den Verpflegungstellen. Hatte ich auch noch nicht erlebt!
Dann wechselt der Belag. Es geht teilweise über Schotterwege. Die Steine und die etwas abgeschrägte Laufbahn lassen mich mein Knie spüren.
Langsam laufen. Ich muss langsam laufen. Wollte ich nicht aussteigen? Nein!
Es wird gehen. Wenn ich langsamer laufe und etwas mehr gehe, dann spüre ich das Knie nur wenig. Vertretbar!
Ich lebe doch, sonst würde nichts weh tun!
Irgendwie kann ich nicht, wie sonst, bei langen Läufen, über Gott und die Welt nachdenken. Ich horche auf die Gespräche der Mitläufer, auf die eigene Einsamkeit des Laufens und in die Nacht hinein.
Es geht relativ gut. Oberramsern. Der Marathon endet hier. Ich vermisse die Massageeinrichtung. Egal. Der Mond lugt manchmal etwas durch die Wolken. Es ist nicht so dunkel, dass man unbedingt eine Lampe braucht.
Nur im Wald hatte ich diese an. Die vielen Lampen werfen viele Schatten. Hüpfende Bilder. Man könnte besoffen werden. Ich muss besonders aufpassen, dass ich nicht in eine Senke trete.
Nach dem 40 Km Schild gehe ich noch etwas, dann trabe ich wieder an. Die Knieschmerzen werden wieder stärker. Gehen ist angesagt.
Trotzdem, ich werde den Lauf zu Ende bringen. Das steht fest. Wenn ich nicht laufen kann, dann werde ich wandern!
Warum eigentlich? Muss ich irgendjemandem etwas beweisen? Ich habe Biel schon drei mal zu Ende gebracht. Wenn ich aussteige, ist ja nicht schlimm, oder?
Alles Quatsch! Ich werde den Lauf bis zum Ende durchhalten, weil ich das will!

Das wäre also geklärt!
Ich sehe und denke nur den Lauf!
Kirchberg. Hier ist wieder viel los. Ich trinke mehrere Becher mit Wasser verdünnter Cola und esse einige Stückchen Banane und Kuchenplätzchen.
Der Emmendamm kommt dann. Verdammt, tut das weh. Jeder Tritt auf die Reste von Kopfsteinpflaster, Steine, oder in Mulden, im Laufschritt schmerzt. Ich gehe fast die gesamte Strecke und korrigiere meine Endzeit so um die 12:30 h herum.
Mann, bin ich langsam. Die vielen Baumwurzeln beginnen mich zu nerven. Ich muss verdammt gut aufpassen. Jetzt ein Sturz auf das Knie ... Die Stirnlampe ist an, leuchtet aber zu schwach für diesen Streckenabschnitt. Ich werde mir eine hellere für den nächsten Start besorgen. Wie?
Ja! Ich werde wieder in Biel antreten!
Eine zusätzliche Handlampe wäre für mich gut!
Dann endlich, ich kann wieder langsam anlaufen. Jetzt ist, nach dem Verpflegungsstand bei Km 60, der Weg auch wieder besser.
Ich laufe und träume und sehe trotzdem die Natur, andere Läufer und die Coachs. Es geht wie von selbst. Schmerz das Knie zu stark, gehe ich. Trinken, viel trinken!

Essen mag ich nichts.
Dann, am 70 Km Schild ist etwas merkwürdig. Mir fällt erst gar nicht ein, was es ist. Ach klar doch: Das Knie! keine Schmerzen mehr. Wie? Ich laufe etwas schneller. Das Knie meldet sich nicht mehr. Komisch! Jetzt wäre es schön, wenn ich die Kraft hätte, noch schneller zu laufen.


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  Die ist aber weg!
Ich wundere mich noch eine Weile, während ich die Anstiege langsam hochlaufe. Kann sein, dass andere Stellen im Körper mehr weh tun. Bei diesem Gedanken belasse ich es.
Ich denke jetzt nur noch daran, wie es im Ziel sein wird und erinnere mich, welche Streckenpunkte wir gleich anlaufen werden.
Ich bin endlich bei mir selbst angekommen!
Klar werde ich überholt. Aber ich selber überhole auch.
Eine Freude bei Arch das 80 Km Schild wieder zu sehen. "Hallo, wir kennen uns aus den Jahren davor!", denke ich und muss lächeln.
Schmerzen. Laufen. Alles ist jetzt schön. Besonders die Vorfreude auf das Ziel.
An der Aaare endlang zu laufen bis Büren, ist mühevoll, macht aber trotzdem Spaß. Die Zeit spielt für mich jetzt keine Rolle. Das schaffe ich, wie auch immer!
Kurz vor Pieterlen erlebe ich einen Einbruch. Ich konnte lange nichts essen. Da ich ziemlich schwer für einen Langstreckenläufer bin, müssen die gewaltigen Muskeln natürlich versorgt werden.
Ich quäle mich etwas bis zum Verpflegungspunkt Pieterlen. Ich spüre jetzt, dass die Blase am linken Fuss, die seit 10 Km ihr Unwesen treibt und beim Auftreten schmerzt, aufgeplatzt ist. Auch gut. Ja es schmerzt. Rechts das Knie gibt Ruhe, dafür behindert mich die Blase links. Für Abwechselung ist gesorgt!

Langsam geht es einigermaßen. Hier zwinge ich mich, etwas zu essen. Kuchen geht. Ich esse auch Bananen. Viel trinken!
Nach einigen Minuten gehen kann ich wieder etwas laufen. Jürgen klopft auf meine Schulter. Der ist noch sehr gut drauf und "sprintet" zum Ziel.
Ich freue mich ehrlich, das es ihm gut geht. Das 98 Km Schild. Tränen schießen aus irgend einem Grund in die Augen. Blödsinn!
Gibt es einen Grund?
Bald bin ich vor der Eishalle. Das Ziel rückt sehr langsam näher. Die Sonne brennt, was ich erst jetzt richtig merke. Dagmar ruft mich an. Dann jubeln sie und andere mir zu.
Toll!
Lautsprecherdurchsagen. Alles ringsherum ist schön: Die Menschen sind bunt gekleidet, die Sonne lacht und ich habe es gleich geschafft!
Dann der wunderbare Zieleinlauf.
Meine Medaillie.
Chipabgabe in Trance.

Leider waren die Duschen in der Eishalle geschlossen. Das Duschzelt war mir nicht einladend genug und ich werde ungeduscht in die Unterkunft zurück fahren.
Das dauert noch!
Dagmar muss sich noch ewig für das T-Shirt anstellen. Überhaubt, es scheint, dass die Organisation an einigen Stellen, wohl auch aufgrund der vielen Läufer überfordert war!

Es bleibt in mir die Erinnerung an einen sehr schweren Lauf zurück, den ich trotzdem noch in 12:34:01 zu Ende gebracht habe.
Der Stolz bleibt!






Letzte Änderung: 15.05.2009
© Joerg Segger