Person

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erster Marathon






















Eine späte „Sportkarriere“ und völlig unerwartet?

So weit ich mich noch erinnern kann, bin ich seit meinem 13 Lebensjahr immer mal wieder gelaufen.
Immerhin bin ich ja nicht mehr ganz frisch, ich wurde 1955 geboren, aber die Zeit zu der man sich dann an lange zurückliegende Ereignisse erinnern kann, kommt ja erst noch.
Mein Training fand etwa 2 bis 3 mal die Woche statt. Am Anfang waren es 3 bis 4 Km, später auch mal Strecken bis zu 8 Km. Zwischendurch machte ich schon mal Laufpausen von bis zu 3 Monaten.

Im zartem Alter von 13 Jahren wurde meine Karriere als Fußballtorhüter schnell beendet. Ich hatte eine Niederlage meiner Mannschaft, eine hohe aber verdiente 13:1 (?) Niederlage, psychologisch nicht ganz verkraftet. So hatte ich genug Zeit mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Bald begann ich eine Lehrausbildung zum Maschinenbauer, wobei ich auch gleichzeitig die mittlere Reifeprüfung absolvierte. In dieser Zeit wollte ich, nicht zuletzt aufgrund meines kräftigen Körperbaues, ein erfolgreicher Gewichtheber werden. Diese Karriere endete mit dem Eintritt in die 18 Monate dauernde Wehrdienstzeit. Davor wurde ich in meiner Gewichtsklasse an meinem 18`ten Geburtstag Bezirksmeister. Mit einer eher bescheidenen Leistung im Zweikampf.

Während meiner Dienstzeit durfte ich immer mit der 50 Kg Hantel Vorführungen für die schwächeren Soldaten machen. Meistens sagte mir mein Ausbilder, nachdem ich 10 bis 20 mal die Hantel gestemmt hatte, dass ich jetzt damit aufhören könne, also bevor meine Arme müde wurden. Wenn ich dienstfrei hatte, gab es drei Hauptdinge durch die ich die Langeweile vertreiben konnte. Das waren leckere belegte Brötchen essen, Lesen und sonntags der Dauerlauf in der Nähe der Kompanie. Ich bekam damals die Erlaubnis in der Feldmark herumzulaufen. Als Gegenleistung wurde ich aufgefordert, zwischendurch keine Kneipe aufzusuchen, mich nicht zu weit von der Kompanie zu entfernen, den Armeetrainingsanzug dabei zu tragen, sowie pünklich wieder zurück zu kommen.
Wir bekamen damals für die 18 Monate Dienstzeit pro Monat einen Tag Urlaub und nur maximal an einem Tag am Wochenende Ausgang. Allerdings nur, wenn man sich den entsprechend „verdient“ hatte, und der Spieß einen nach draussen ließ! Da es in der Ortschaft außer einer Kneipe und einmal im halben Jahr Kino keine weiteren kulturellen Möglichkeiten mehr gab, entdeckte ich das Laufen neu.
Meine Läufe dehnte ich im Laufe der Zeit und des Sommers 1975 immer weiter aus. So war ich bald schon bis zu 3 Stunden außerhalb der Kompanie. In der Zwischenzeit hatte mich aber nie jemand vermisst. Ich kam auch immer brav zurück und nutzte den Sonderfreigang wirklich nur, um in der Gegend zu laufen. Die langen langsamen Läufe waren sehr erholsam, ein Stück Freiheit für mich.
Nach der Armeezeit arbeitete ich vor meinem Studium noch einige Monate. In dieser Zeit liess ich mir einen eingewachsenen Zehnagel herausoperieren. Bei eine unerwarteten Bewegung in meiner sehr engen Hose (siehe oben leckere Brötchen), hatte die Naht meiner Hose nachgegeben. Ich beschloss, noch vor der Gesundschreibung abzuspecken! So drehte ich in der Nähe meines Wohnortes immer längere Runden und stellte meine Nahrungsaufnahme völlig um. Ich aß sehr wenig und sehr fettarme Lebensmittel.

Als ich dann mein Studium aufnahm, hatte ich etwa ein viertel meines Körpergewichtes abtrainiert. Jetzt lief ich regelmäßig 3 bis 5 mal in der Woche. Die Streckenlängen lagen zwischen 5 und 15 Km. Während des Studium hielt ich diese Verfahrensweise bei und verlängerte die Strecken sogar noch. Nachdem ich dann eine Familie gegründet hatte, fand ich nur noch Zeit, mich um unsere drei Kinder, meine Weiterbildung, die Wohnung und den Garten zu kümmern. Laufen ging ich jetzt nur noch ca. 3 mal die Woche, wobei ich Monate dabei hatte, in denen ich weniger oder gar nicht trainierte. Es gab natürlich auch Monate, in denen ich mehr trainierte.


1998 fragte ein Arbeitskollege an, ob wir nicht zusammen einen Lauf in Duisburg machen wollen. Er schlug vor, dass wir die 5 Km Strecke absolvieren sollten. Ich hielt dagegen und schlug die 10 Km Strecke vor. Dabei war ich doch zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr so gut im Training. Da ich aber nicht als letzter Läufer über die Ziellinie gehen wollte, erweiterte ich mein Training. Der Lauf wurde von mir dann bald in einer für mich guten Zeit und vor allem recht locker absolviert. Nach dem Lauf trainierte ich weiter, weil ich mich, seit ich wieder regelmäßig trainierte, sehr viel besser fühlte. Außerdem hatte ich einige Kilogramm abgenommen.

Der gleiche Kollege, der mich für den 10 Km Lauf motiviert hatte, sprach mich eines Tages an, ob ich noch trainieren würde. Als ich das bejahte, sagte er, dass ich doch dann auch gleich mal für einen Marathon weiter trainieren könne. Oh ich Unwissender! Ich überlegte nur kurz und beschloss mich auf einen solchen vorzubereiten.
Mein erster Marathon. Kaum hatte ich das ausgesprochen wurde mir die Tragweite des Gesagten bewusst. Es gab aber kein zurück mehr! Da ich von Marathontraining gar nichts wusste, suchte ich mir Trainingspläne und motivierende Beschreibungen von Erlebnissen bei solchen Laufveranstaltungen aus dem Internet heraus. Ich fand Beschreibungen zu Ultralangläufen, Bergläufen oder 10 Km Läufen. Damals gab es noch nicht so viele Internetseiten über Laufveranstaltungen. Ich suchte und fand einen Marathon in der Nähe unseres Wohnortes, in schöner Landschaft. Mein erster Marathon sollte der Rursee-Marathon werden. Davor trainierte ich also fleißig, um die Landschaft auch genießen zu können. Mein längster Lauf vorher war ein 33 Km Lauf. Dann kam der Veranstaltungstag.



Der erste Marathon

Nun, welchen Marathon hatte ich mir wohl als ersten Marathon ausgesucht? Wo sollte meine Marathonkarriere starten?
Damals hatte ich noch keines der vielen Laufbücher gelesen.
An eine Umstellung meiner Ernährung habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht.
Die Veranstaltung rückte näher. Oh ein bekannter Lebensmitteldiscounter hatte noch einen preiswerten Trainingsanzug im Angebot. Den musste ich haben. Sollte es zu warm sein, kann ich ihn ja vor dem Start ausziehen.
Dann ging es endlich nach Einrur zum Start- und Zielort. Natürlich waren wir viel zu früh losgefahren. Natürlich sind wir auch einige Kilometer Umwege gefahren. Damals wusste ich es nicht besser. Insgesamt habe ich inzwischen schon 5 mal an diesem Marathon teilgenommen, und jetzt fahren wir auch ohne Umwege und nicht so früh nach Einruhr.
Da wir so früh da waren, brauchten wir nicht lange einen Parkplatz suchen. Ich wurde immer aufgeregter. Meine Zeitvorstellung lag bei etwa 4:10 Minuten. Viel mehr Zeit würde ich nicht brauchen. So meine Einschätzung in Unkenntnis der tatsächlichen Mühen dieser Strecke und der zu überwindenen Höhenmeter.
Wir holten die Startnummer aus dem Veranstaltungszelt, tranken Kaffee und aßen Brötchen. Aufmerksam beobachteten wir die anderen Teilnehmer. Es waren auch Läufer dabei, die mit meiner Figur konkurrieren konnten. So viele schwergewichtige Marathonstarter waren es aber nicht. Ich musste mir so manchen Blick gefallen lassen. Immerhin wog ich etwa 112 Kg.
Meistens schob ich diese Art von Blicken aber darauf, dass ich ja sehr dick angezogen war. Noch immer hatte ich den Trainingsanzug an. Darunter trug ich eine kurze Hose, zwei Laufshirts und Unterwäche. Der Trainingsanzug war sogar etwas ausgefüttert. Gut es war ziemlich kalt, so etwa 8 Grad, es nieselte und eine unangenehmer Wind ging. Trotzdem war ich natürlich viel zu dick angezogen.
Es ging los und ich nahm den Trainingsanzug mit. Ich behielt ihn die ganze Veranstaltung über an.
Und so ging es dann immer schön langsam durch die Landschaft. Wirklich ein schöner Lauf. Nur nach etwas 20 Km war mein Trainingsanzug voll gesogen und schwer. Später, im Ziel, bemerkte ich, dass mir das nasse Material des Anzuges sogar an einigen Stellen die Haut aufgescheuert hatte. Nach diesem Marathon habe ich mir richtige Laufsachen gekauft. Genau so wichtig, wie gute Laufschuhe sind die richtigen Laufsachen. Diese sollten warmhalten und die Feuchtigkeit nach Außen abgeben und eng am Körper anliegen.
Da ich vorher noch nie länger als 33 Km gelaufen war, fielen mir die letzten 10 Km sehr schwer. Nun, wann hat man die Hälfte eines Marathons geschafft? Nein nicht nach 21,9x Km! Tatsächlich ist es bei jedem Lauf unterschiedlich. Mal meint man am Ende, die Hälfte wäre bei 35 Km gewesen, mal denkt man bei 27 Km oder manche Läufer haben ab km 37 die meisten Schwierigkeiten. dadurch erscheint der Rest der Strecke so schwer und lang. Man kann aber durch richtiges Training sehr viel dafür tun, dass man entspannt und locker den Marathon übersteht. Dann hat man auch noch etwas von der Landschaft, durch die man läuft.
Damals bin ich immer wieder gegangen. Mir gingen die unwahrscheinlichsten Erinnerungen durch den Kopf. Man hat viel Zeit nachdenklich zu sein. Man macht so eine Art Meditiation! Die Beine setzt man wie ein Automat.
Aber ich bin durchgekommen und war darauf sehr stolz.



© Joerg Segger