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Man muss nicht immer Sieger sein
Der Wecker bimmelt. Ohne die Augen aufzuschlagen, stelle ich ihn ab. Noch immer die Augen geschlossen mache ich Licht.Ich schaue zur Uhr. Es ist 7:00 Uhr. Warum quäle ich mich eigentlich um diese Zeit aus dem Bett? Die Faulheit ruft leise nach der Müdigkeit.
Ich setze mich durch, bleibe Sieger und stehe auf.
Die Wetterfrösche haben Sonnenschein bei etwa 14 Grad angesagt.
Aber warum nur habe ich mir wieder so eine Tour vorgenommen?
Genau kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich wecke meine Frau.
"Wie schnell wirst du heute sein?", fragt sie. Fast jedes Mal stellt sie
diese Frage.
Für mich ist das nicht so wichtig.
Es wird einer von insgesamt 11 Starts in diesem Jahr werden. Was interessiert mich da die Zeit? So ehrgeizig bin ich nicht.
Ich will Spaß haben. Dafür tue ich mir die vielen Trainingskilometer an. Da gibt es Tage, da muss man schon wirklich hart sein, um das Training durchzuführen.
Besonders, wenn es dunkel, nur etwa 5 Grad kalt ist und regnet. Da Sieger zu bleiben, ist nicht einfach.
Wir fahren ohne besondere Eile auf der Autobahn. Sie wundert sich, weil ich
mich diesmal nicht über einen rasant fahrenden Autofahrer aufrege. Ich will nicht schneller sein und lasse meinen Fuß da, wo er ist.
Ich gebe kein Gas mehr. Beiläufig stellt sie die Frage: "Kannst du mir sagen, warum der hier mindestens mit 150 Km/h fährt, hier sind doch nur 100 km/h erlaubt?"
Ich habe keine Lust, die Frage zu beantworten, erwidere aber trotzdem: "Ich weiß es nicht, aber vielleicht will er zu einer wichtigen Veranstaltung!"
Der giftgrüne VW rast an uns vorbei. Ich mag diese Automarke nicht!
Wir haben Zeit und halten bei "unserem" Konditor an. Seit Jahren holen wir
hier vor dem Start Kuchen. Der ist besonders lecker. Aber ich darf nicht soviel Kuchen essen vor dem Start. Es fällt mir sehr schwer mich zu zügeln.
Diesmal gewinne ich. Dann geht es die Serpentinen zum See herunter.
Zum Parken werden wir in diesem Jahr eingewiesen. Ich stelle das Auto widerwillig neben einem giftgrünen VW ab.
Alles geht ziemlich schnell. Kaffeetrinken, die Startnummer abholen,
andere Teilnehmer bewundern und kurze Gespräche mit Gleichgesinnten.
"Nein, so fit fühle ich mich nicht!", erwiedere ich auf die Frage eines
Läufers, ob ich gut drauf wäre. Darauf behauptet ein anderer: "Ich habe
noch nie einen Marathonläufer getroffen, der top fit ist!"
Er hat recht. In den meisten Gesprächen um uns herum geht es um kleine
Verletzungen, Erkältungen oder auch mentale Schwierigkeiten, mit denen man
hier starten will und die voraussichtlich eine Bestleistung verhindern werden. Oder es sind einfach die Schuhe, die man zum ersten Mal an hat, oder vor ein paar Tagen zum ersten Mal an hatte, die Schuld daran sein werden, dass man nicht ganz vorn mitlaufen kann. Wenn es den Startern aber allen so schlecht geht, warum sind die dann hier? „Alles Fußkranke hier!“, höre ich aus einer Menschentraube heraus.
Dann sind es noch wenige Minuten bis zum Start. Ich bin immer noch ruhig.
Bei bisher mehr als 30 Marathons kommt keine Nervosität mehr auf.
Aufgeregt kreuzen Läufer zum Warmlaufen zwischen anderen Läufern und
Begleitpersonen hin und her. Hunde verstellen allen den Weg. Diese Tiere haben ein Talent dazu, im Wege zu stehen.
Ich beginne wenige Minuten vor dem Start mit Dehnungsübungen und überprüfe
meine Ausrüstung. Ich habe mich für Trailschuhe entschieden. Es hat Tage
vorher geregnet und die Wege werden aufgeweicht sein.
Ich schaue mir den Ort an. Langsam werde ich wach. Die Fachwerkhäuser sehen
hübsch aus und die Straße, die letztes Jahr wegen einer neuen Wasserleitung
aufgerissen war, ist schon an den meisten Stellen frisch asphaltiert.
Der Startschuss. Es geht los. "Hallo, wie schnell willst du sein?" , spricht mich ein Läufer an. Vorne wird bereits gelaufen. Wir hier hinten gehen gemütlich über die Startlinie. Ich weiß, dass er die Frage nur gestellt hat, um sein Zeitvorhaben darzustellen und sage: "Ich will nur Spaß. Wenn dann eine Zeit um die vier Stunden dabei herauskommt, bin ich zufrieden!"
Daraufhin wird er schneller und sagt: "Vorige Woche bin ich in Bertlich auf halber Strecke ausgestiegen. Mir ging es nicht gut. Eigentlich bin ich Triathlet. Heute will ich unter vier Stunden laufen!"
Da ich aber seinem Ehrgeiz keine Unterstützung bieten kann, weil ich ihn
nicht "ziehen" werde, wenn er einen Einbruch haben sollte, wird er nochmals
schneller und sucht sich einen anderen Begleiter.
Es geht bergauf. Der Rursee - Marathon wird zum zweiten Mal über die Staumauer des Urftstausees geführt. Zum Glück starten die 16 Km Läufer später. Diese verursachten im letzen Jahr Staus an den ersten Verpflegungsstellen.
Ich laufe gleichmäßig den Hang hinauf. Viele Läufer überholen mich. Einer hat einen Hut auf und ein giftig grünes Shirt an. Sollen die mich doch überholen. Im Ziel vorn zu sein, ist entscheidend.
Dann sehe ich meine Frau mit unserem Hund an der Strecke. Sie feuert die
Läufer an! Plötzlich ruft sie mir zu und winkt dabei.
Zum ersten Mal an diesem Tag bekomme ich eine Gänsehaut. Ich lache sie an und laufe gemütlich an ihr vorbei. Der Hund hat mich nicht erkannt. Ausnahmsweise steht er den Läufern nicht im Weg.
Bald wird die Strecke wieder flach und ich gebe Gas und überhole einige Läufer. So mancher Läufer aber hält dagegen. Mächtig schnaubend beginnt der mit dem giftig grünen Shirt und dem Hut mit mir zu kämpfen und lässt mich nicht vorbei. Da der Weg matschig ist, komme ich nicht vorbei und bleibe locker laufend hinter ihm. Er fühlt sich als Sieger.
Die Natur an diesem Morgen ist herrlich anzusehen. Es ist noch sehr frisch. Vögel zwitschern und das Talsperrengewässer blinkt zwischen den Bäumen.
Dann wird es plötzlich sehr steil. Niemand läuft mehr. Trotzdem verschaffen sich manche der Teilnehmer mit den Ellenbogen Platz. Hier geht es anscheinend um Millimeter. Wer zuerst die Staumauer erreicht, hat wohl eine erhöhte Chance zu gewinnen. Ein Marathonläufer mit einem mächtigen Bauch schnauft an dieser Steigung an mir vorbei und lässt einen lauten Pup. Mir scheint, ich atme für Minuten nicht.
Dann geht es im Laufschritt über die Staumauer. An der Verpflegungsstelle betankt sich der dicke Läufer gerade mit dem 5-ten Becher Wasser. Er beschwert sich, dass es noch nichts zu essen gibt. Der muss zum ersten Mal an einem Marathon teilnehmen.
In meinen Knien zieht es. Schmerzen in den Oberschenkeln kommen dazu. Anscheinend habe ich in den letzten Monaten an zu vielen Läufen teilgenommen. Trotzdem finde ich meinen Laufrhythmus. Ich liege gut in der Zeit.
Wieder werde ich überholt. Es geht einen langen Anstieg hoch. Man muss hier besonders vorsichtig laufen. Gibt man zu viel Kraft ab, wird es auf den restlichen 30 Km sicher einen tiefen Einbruch geben.
Ich laufe mein Tempo. Die schöne Eifellandschaft legt sich in meine Gedanken. Alltagsprobleme wälzen sich plötzlich durch meine Gedanken. Wie sieht es mit den Kränkungen der letzen Wochen aus? Die kleinen täglichen Niederlagen im Beruf.
Ich laufe. Gedankengewitter! Plötzlich merke ich, dass alle Probleme vergangen sind. Vergangenheit wird oft schön empfunden, weil sie uns nichts anhaben kann!
Ein langer Lauf. Als Marathon wird eine Laufstrecke von 42, 195 Km bezeichnet.
Ein Landschaftsmarathon hat oft anstrengende Bodenbeschaffenheit und ein anstrengendes Streckenprofil. Die Landschaft entschädigt für diese Anstrengungen. Auch die relative Einsamkeit im Gegensatz zu den mehr als hunderttausend Zuschauern, die oft an der Strecke von Stadtmarathons stehen, liegt mir.
Lauter Befall brandet auf. Eine Gruppe Wanderer ist stehen geblieben und applaudiert den Läufern. Wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Dann werde ich schon wieder überholt.
Da die Strecke abschüssig wird, laufe ich schneller und überhole meinerseits.
Die halbe Strecke ist bewältigt. Es geht über eine andere Staumauer. Der Weg führt jetzt direkt am Stausee entlang. Mein Oberschenkelmuskel im rechten Bein zwickt. Der Schmerz wird immer größer. Leicht wäre es, zum Versorgungsstand zu gehen und den Lauf abzubrechen. Der Krankenwagen würde mich zum Ziel bringen. Ich habe noch nie einen Marathon aufgegeben. Verdammte Schmerzen. In der Seite beginnt es zu stechen. Plötzlich habe ich Durst. Warum mache ich das?
Die Schmerzen werden größer. Ich werde langsamer und überholt. Verdammt, den Läufer da hatte ich bisher in Schach gehalten. Werde ich heute verlieren? Muss ich diesen Lauf zu Ende bringen. Aufhören?
Aufhören wäre ganz einfach. Man bleibt stehen, verzieht das Gesicht und schimpft auf eine Verletzung. Eine Läuferin spricht mich an und reißt mich aus meinen Überlegungen: „Hallo, kennen wir uns?“
Ich überlege, wische den Schmerz aus meinem Gesicht und lächele sie an, um dann zu antworten: „Kann sein. Du hast ein Köln - Shirt an, vielleicht haben wir uns dort gesehen!“
Sie überlegt und nickt: „Ja, kann sein. Ein schöner Lauf!“
Sie redet und redet. Ich antworte kaum. Das scheint sie nicht zu stören. Was hat sie gesagt?
Ach so, sie muss mal. Sie läuft vor, zieht ihre Hosen runter und hockt sich dabei hin. Ich schaue weg und sehe noch, wie sie entschuldigend lächelt.
Meine Schmerzen sind plötzlich weg. Der Durst ist auch verschwunden.
Nach einigen Minuten, ich döse gerade, während ich fast unmerklich schneller laufe, vor mich hin, ist Sie wieder bei mir und sagt schnaufend: „Ich habe wohl das Essen gestern nicht vertragen. Dauernd muss ich!“ Kaum hat sie das gesagt, bleibt sie stehen und zieht wieder die Hosen runter. Ich laufe noch schneller. Sie holt mich noch mindestens dreimal ein und hockt sich hin. Dann überholt sie mich ein letztes Mal. Ich sehe sie nicht wieder. Hat sie Toilettenpapier dabei gehabt? Ekelig! Dabei sah sie wirklich gut aus. Eine verdammt gute Figur hatte sie. Na ja, ich denke an etwas anderes. Ich werde wieder langsamer. Die Schmerzen kommen zurück. Diesmal ist das linke Bein davon betroffen. Ich kämpfe wieder. Dann taucht plötzlich ein Läufer vor mir auf, der mich schnaubend am Anfang überholt hat. Er hat einen Hut auf und ein giftig grünes T-Shirt an. Lächelnd war er an mir vorbeigezogen. Jetzt trennen uns noch 10 Meter. Meine Schmerzen sind verschwunden. Ich werde schneller. Ganz langsam kommt er näher. Der Abstand bleibt dann plötzlich. Verringert sich nicht. Ich weiß, er hat mich entdeckt. Er kämpft mit schwerem Atem.
Ich kämpfe und beschleunige ganz langsam. Das ist meine besondere Wettkampfweise.
Wieder komme ich näher heran. Noch wenige Meter. Ich bemühe mich ganz locker auszusehen. Man muss den Gegner moralisch bekämpfen. Dann habe ich ihn eingeholt. Jetzt kommt mein Prunkstück. Ich bleibe einige Minuten bei ihm. Laufe sein Tempo und beobachte ihn. Sein Schnaufen wird immer schlimmer. Es scheint so, als wenn er sich dabei verausgabt hat, zu verhindern, dass ich ihn einhole.
Dann gibt er auf. Er wird zusehend langsamer, wobei ich beschleunige.
Eine Steigung kommt. Ich merke plötzlich, wie viel Kraft dieses Spiel gekostet hat. Aber ich werde nicht langsamer. Verdammt, ein schlimmer Schmerz! Ich habe auf einen kleinen Stein getreten. Ich hinke einige Meter. Langsam belaste ich den Fuß. Ah, alles in Ordnung. Es geht mit gleicher Geschwindigkeit weiter. Ein Schild taucht auf. Noch 5 Kilometer. Wieder Beifall. Die Gänsehaut lässt mich erschaudern. Ein schönes Gefühl. Die Zuschauer sind sehr fleißig und klatschen allen Läufern zu. Nicht wenige haben aufmunternde Worte wie: “ Du siehst toll aus!“, Oder „Komm, nur noch wenige Kilometer!“ Mancher zeigt sich auch väterlich und sagt: „Jawohl, du schaffst das!“
Schilder werden hochgezeigt. Was da alles zu lesen ist. „Quäl dich!“
„Lauf Papa.“
„Gib nicht auf Ulla.“
„Mama, wir glauben an dich!“
„Manni, du bist toll!"
Ich bleibe an einem Verpflegungsstand stehen. Bier wird mir angeboten. Ich lehne ab und nehme mir eine Cola und einen Schokoladenriegel.
Dann laufe ich weiter. Wieder sehe ich Läufer, die mich überholt hatten. Ich beschleunige und kann sie etwa 1000 Meter vor dem Ziel einholen. Alle Schmerzen sind verschwunden.
Ich bin voller Endorphine.
Wieder werde ich schneller. Der Ansager im Zielbereich ist zu hören. Hinter mir stürmt ein Läufer heran und ruft mit sächsischem Dialekt: „Nu, wo sind hier die Steigungen? Ich könnte noch stundenlang laufen.“
Er überholt mich. Ich nehme den Kampf auf, hole ihn ein. Er überholt mich wieder. Der Weg wird schmaler. Viele Menschen stehen am Straßenrand. Ich kümmere mich nicht um die Autofahrer, die missmutig vor der Straßensperre stehen.
Ich kämpfe und hole den Sachsen ein. Beifall und laute Anfeuerungsrufe und die Lautsprecheransage mischen sich. Der Sachse stürmt schon wieder los. Wir sind gleich auf. Er grinst mich an, wird schneller. Ich bekomme kaum Luft und halte dagegen. Zwei Namen werden gerufen. Meiner ist dabei. Dann wäre ich fast gegen eine Helferin gelaufen. Der Marathon ist vorbei. Wir sind beide gleichauf durch das Ziel gelaufen.
Ich bekomme meine Medaille. Meine Frau ist da. Mir ist schlecht. Ich setze mich.
„Verdammt, der Lauf war einfach klasse!“, sage ich, und weiß, dass sie in ein abgekämpftes Gesicht blickt.
Nach dem Duschen nehme ich mir ein dickes Stück Kuchen und ignoriere meine wochenlange Diät. Ich lasse den Hunger gewinnen. Man muss nicht immer Sieger sein!
(© Joerg Segger, Gierath am 07.01.2006)
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