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Der Seufzerfelsen












Der Seufzerfelsen

Einst lebte ein Köhler im dunklen Wald. In der Nähe hatte sich die Bode tief in die Felsen gegraben. Da seine Frau bei der Geburt der Tochter gestorben war, erzog er das Kind ohne Mutter. Viele Jahre lebten er schon allein mit seiner Tochter im Wald. Nur selten bekam er Besuch von Verwandten. Im Laufe der Jahre war er menschenscheu und kauzig geworden. Seine Tochter liebte er sehr. Er tat alles, dass sie nichts vermissen sollte. Ohne zu murren arbeitet er hart. Im Herbst sammelten sie Beeren und Pilze. Anne wuchs zu einem sehr schönem Mädchen heran. Ihre Augen strahlten blau wie der klare Himmel und die langen dunkel blonden Haare fielen lockig auf ihre Schultern. Sie war schön und anmutig wie ein junges Reh. Jeden der sie sah machte sie das Herze auf und der restliche Tag verging für ihn glücklicher. Sie verjagte die Sorgen. In Zeiten, in denen der Winter besonders hart war. Brachte der Vater sie zu Verwandten in die Stadt, damit sie es etwas leichter hatte. In der Stadt befreundete sich das wunderschöne Mädchen mit Peter, dem Sohn des armen Schusters. Bald wart ihre Freundschaft zu Liebe. Die jungen Leute versprachen einander. Dann begann der anbrechende Frühling den Winter zu vertreiben und der Vater holte seine Tochter heim, damit sie ihm die Hausarbeit machte und Licht in seine armselige Hütte bringen würde. Die jungen Leute wurden so getrennt. Wie verging für die Liebenden so manche Nacht in sehnsuchtsvollen Träumen. Natürlich hatte keiner der beiden es gewagt seinen Verwandten von ihrer Liebe zu erzählen. Bald liefen beide suchend, in Sehnsucht und ängstlich, Nachts durch den Wald. An einer Wegeskreuzung, an der eine riesige Buche stand, trafen sie sich. Wild pochten ihre Herzen. Wie küssten und drückten sie einander. Wie sie so in der noch kalten Nacht an der Buche weilten, gesellten sich Tiere des Waldes zu ihnen. Sie vertrieben die Ängstlichkeiten der Nacht.

So verging der Frühling und der Sommer. Immer, wenn es möglich war, hatten sie sich getroffen. Es war Herbst. In den Wälder wurde gejagt. Als Vater und Tochter vom Beerensuchen heimkamen, sprengte eine Wildschweingruppe über die Waldlichtung. Nicht viel später stoben die Äste der Fichten auseinander und der alte Graf ritt aus dem Wald. Als er den Köhler und seine Tochter sah, hielt er kurz mit der Jagd inne. Das Pferd wurde unruhig. Der Graf schaute verzaubert. Dann verschwand er wieder im Wald. Bald aber, da die Wildschweine entkommen waren, kam er zurückgeritten. Ohne um Einlass zu bitten trat er in die Hütte des Köhlers und verlange nach Wasser. Aber die Tochter des Köhlers solle ihm die Erfrischung bringen. Am nächsten Tag kam er wieder. Diesmal wurde er von einem Diener begleitet. Der Graf ließ sich bewirten und zahlte großzügig beim Abschied. Bald sprach der Köhler zu seiner Tochter über den Reichtum des Grafen und wie schön es wäre ein sorgenfreien Lebensabend zu verbringen und als alter kranker Mann nicht mehr im Wald schuften zu müssen. Anne würde es gut haben und er hätte auch schon so viel für sie getan. Wieder und wieder kam der Graf. Er erzählte Anne von seinem Schloss und der Einsamkeit der Nächte.

Eines Tages sprach Anne zu Peter über den Grafen. Sie sprach von ihrem alten Vater und vom harten Leben das sie mit ihrem Vater führte, von Liebe, Dankbarkeit und Verzicht. Und Peter verlief sich traurig im Wald. Dann zogen Vater und Tochter aus ihrer armseligen Hütte in prächtige Räume des Schlosses. Die Hochzeit wart vorbereitet. Immer wieder durchstreifte Peter den Wald und fand sich an der Buche. Manche Stunde stand er unter deren Laubdach und lauschte in die Nacht hinein. Für ihn gab es kein Glück mehr.

Der Morgen fand Anne, wie sie sich in den Hochzeitskleider spiegelte. Der Graf wartete sehnsüchtig auf seine Braut. Die Musik spielte im Hof unter der großen Linde und die ersten Gäste fuhren in prächtigen Kutschen vor. Als Anne so vor ihrem Spiegel träumte, ward ihr plötzlich heiß. Hastig sog sie die Luft ein und musste sich setzten. Fragend half ihr die Zofe und ließ sie etwas kühles Wasser trinken. Annes Hände zitterten und sie wusste schon, was ihr bald geschehen würde. Sie versteckte sich hinter dem Schleier. Blas hauchte sie ihr "Ja". Und fand sich fast ohnmächtig. Die Anwesenden und der Bräutigam beobachteten das arme Mädchen, anscheinend vor Ehrfurcht erschaudernd.

Das Hochzeitsmahl. Wie wurde gefressen, gesoffen und laut in die Runde gebrüllt. Der Graf hatte geheiratet. Das Gesinde durfte in der Scheune feiern. Anne saß steif und schön an der Tafel und hielt sich großartig. Sie wusste es. Der Morgen brach an und die Gäste soffen und fraßen noch immer. Der eine oder andere Gast oder auch einer vom Gesinde, hatte sich in den Büschen hinter dem Hof übergeben oder lag im Heu der Scheune. Die Feier steuerte dem Höhepunkt zu. Plötzlich suchte der Graf seine Braut. Laut fluchend, wütend, mit aufgespartem Verlangen, lief er wild mit den Armen fuchtelnd und mit blutunterlaufenden Augen, jetzt nüchtern, über den Hof. Man schickte das Gesinde in alle Ecken des Anwesen. Allein, man fand Anne nicht. Ein Tag verging. Der Graf ritt suchend durch Stadt und Wald. Der Köhler saß die Nacht über lethargisch unter der Linde. Ab und an vergrub er sein Gesicht in den Händen und schüttelte wild seinen Kopf. Dann riss er sich von der Bank und verließ unbeachtet den Hof.

Als er Annes Lieblingsplatz auf einem Felsen hoch über die Bode erreichte, herrschte Stille um ihn herum. Er trat dicht an die Klippe und hielt sich mühsam. Bald nachdem man die Liebenden abseits des Friedhofs vergraben hatte, starb der Köhler. Erst im Frühling fand man ihn aus leeren Augenhöhlen an die Decke der alten Hütte blickend. Angeblich streifte schon seit dem Winter in der Nähe des Felsens eine Schattengestalt durch den Wald. Auch lautes Schluchzen ist wohl in lauen Nächten in dieser Gegend immer wieder zu hören.

© Joerg Segger 2002