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Soljanka mit Beilage
Es war so ein belangloser Montag. Einer von der Sorte, die man bald hinter sich gebracht haben möchte. Doch diese Montage nutzen einen aus. Bis zum Ende.
Da saßen wir damals in unserem Arbeitszimmer. Es war an der Universität in Magdeburg.
Wir hatten viel zu tun, aber keine Lust an dem Mensaessen teilzunehmen. Wir kannten das Studentenessen zur Genüge. „Heute nicht!”, beschlossen wir einstimmig.
Doch wo sollten wir hin?
Damals war das nicht so einfach wie heute, wo zum Beispiel auf der Kölner Strasse in Düsseldorf im Umkreis von 150 Metern mindestens 10 Möglichkeiten vorhanden sind, etwas zu Essen zu bekommen. Da gibt es mindestens einen Italiener, einen Jugoslawen, zwei Chinesen, mehrere Bäcker, einen Eisladen und so weiter. Genug Möglichkeiten, dass manche Geschäfte kurz nach der Eröffnung wieder zu machen müssen!
Genug Möglichkeiten sich den Bauch voll schlagen zu können und genug Möglichkeiten, dass es einem nicht langweilig wird.
Aber damals?
Und dann noch ein Montag. Montags war es Besonders schwer. Das „Wildbrett” hat montags geschlossen! Der Kiosk hatte gerade Mittagspause und dem Bäcker waren gerade Kuchen und Brötchen ausgegangen. Der Fleischer hatte auch gerade geschlossen.
Wir gingen zu einem Schnellimbiss. Heute würde man sagen, MC Donaldīs oder Burger King. Das gab es damals noch nicht.
Es sah sehr leer aus. Wir sahen uns an. War das etwa ein Ausdruck der angebotenen Qualität?
Nun, wir waren schon manchmal hier und hatten bisher noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ossi–Standard. Daran waren wir gewöhnt. Nichts Besonderes. Aber das hier? Leere um diese Zeit?
War das Essen ausgegangen?
Sollten wir oder sollten wir besser hier nicht Kunde werden?
Gut eine Soljanka oder ein Würstchen mit Brot kann man ja. Wir hatten uns also für das Angebot entschieden. Wir wurden Gast.
Da nahm sich unsere Gruppe schon mal gedanklich einen Tisch. Es gab keinen der sonst üblichen Platzanweiser.
Jetzt waren schon mal nur noch etwa 30 Tische frei. Hinten in einer Ecke saß ein Mann und in einer anderen Ecke eine ältere Frau, die an einer Tasse Kaffe lutschte.
Wir steuerten auf die Essensausgabe der Küche zu. Da lag ein Tier.
Ich bemerkte plötzlich, wie es hier nach Insektiziden roch. Es war doch Montag. Hatte etwa hier eine Aktion gegen Insekten stattgefunden?
Na klar es war Sommer, und die Fliegen konnten einen schon nervös machen. Das war also nichts besonderes oder?
Da lag dieses Tier. Was war das? Ehe ich dieses Insekt genauer untersuchen konnte, schnippte es mein Kollege mit Daumen und Zeigefinger weg. Es flog irgendwo hin. Es war jedenfalls größer wie eine Fliege. Kommt noch dazu, dass es auch nicht so hübsch war. Das hatte ich so schnell noch sehen können.
Egal, ich ließ mir meine Soljanka bringen.
Gut, ich muss erklären, was eine Soljanka damals war.
Das Gericht, so eine Art Suppe, stammt aus Russland. Man hatte im Laufe der Besatzungszeit dieses Gericht etwas abgewandelt.
Jetzt gab es die Soljanka basierend auf Fleisch - oder Fischresten. Mit oder ohne Gemüse oder Kohl. Die Anfertigung dieser Suppe war ein willkommener Anlass eventuell vorhandene Reste aufzubrauchen. Da blieb wirklich nichts unverwertet!
Also brachte mir die Dame an der Essensausgabe meine bestellte Soljanka.
Stolz schritt ich zu den Anderen an unserem Tisch. Doch halt! War da was in der Suppe?
Quatsch! Das war Einbildung!
Ich musste vorher noch zur Kasse. Während ich meine Geldbörse hervorholte, beobachtete ich die Suppe. Der Löffel lag brav daneben. Alles in Ordnung?
Ich ging jetzt zum Platz und setze mich. Die Kollegen hatten schon zu speisen begonnen.
Ich rührte in der Suppe herum.
War da was?
Da war so ein Haar. Moment! Wo war es gleich?
Ach da! Irgend so ein Haar?
Ich hob es mit dem Löffel und es wurde immer dicker und größer. Das Haar enttarnte sich und wurde zu einer toten Küchenschabe!
Mir wurde schlecht. Gleichzeitig informierte ich meine Kollegen noch über meinen Fund.
Einer aß weiter. Eine Kollegin stürmte mit einer Hand vor dem Mund zur Toilette und kam erst viele Minuten später zurück.
Ich brachte die Suppe wieder zur Kassiererin und da sie fragte, ob mir die Soljanka nicht anstehen würde, zeigte ich ihr das durch die Kammerjäger am Montag in der Frühe erledigte Insekt.
Sie wurde blass, gab mir aber ohne Verzögerung mein Geld zurück.
Ich hatte plötzlich gar keinen Hunger mehr. Wir warteten noch etwas, bis auch der Kollege, der dann doch noch zur Toilette musste, zurück war.
(© Joerg Segger Gierath 2003)
Hier die Erklärung, was, laut Wikipedia, Soljanka ist.
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